Mitten in Deutschland 2018

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Allgemein / Gastbeitrag
Auf dem Boden liegender Pfeifenreiniger zu einem Strichmännchen geformt.

Ein weiterer Erfahrungsbericht aus Chemnitz als Gastbeitrag. Diesmal aus einer anderen Perspektive. Wie gehen von dem Hass direkt betroffene Menschen vor Ort mit der Situation um. Ich sitze vor dem Text und bin einfach nur sprachlos. Lest selbst …

“Letzten Sonntag haben wir meinen Neffen (5 Jahre alt, POC) aus Chemnitz geholt, weil wir nach den Ereignissen der Nacht und den Aufrufen im Netz nicht mehr das Gefühl haben das er dort gerade sicher ist. Chemnitz ist sein Zuhause. Er hat nie woanders gelebt, ist dort aufgewachsen, geht dort in die KiTa und ist sehr stolz darauf endlich Vorschulkind zu sein, einer von den Großen ;).

Ob Chemnitz das weiterhin sein kann, wissen wir gerade einfach nicht – sieht scheiße aus, fühlt sich scheiße an, und es macht mich unheimlich wütend, traurig und fassungslos.

Viele haben den kleinen Jungen angesehen, als wäre er ein Haufen Kotze

Am Sonntag waren wir zuvor noch zusammen in der Stadt unterwegs und es war spürbar, das etwas anders war. Die Blicke der Menschen haben sich verändert. Viele haben den kleinen Jungen angesehen, als wäre er ein Haufen Kotze.
Wir sind ziemlich schnell wieder zurück in sein Zuhause, weil er sagte, das er sich nicht wohl fühlt und ihn „die Leute so angucken“…

Die letzten drei Tage war er jetzt bei mir, in Leipzig. In relativer Sicherheit. Natürlich ist Leipzig nicht das Paradies, es ist immer noch Sachsen, aber es ist trotzdem unendlich viel sicherer als sein Zuhause – zumindest im Moment.

Aber wie erklärt mensch einem 5-jährigen, das er gerade nicht Zuhause sein kann, vielleicht auch endgültig nicht mehr? Wie erklärt mensch einem Kind, das sein Zuhause einfach kein sicherer Ort mehr für ihn ist, weil er nicht so aussieht wie alle drumherum? Und wie erklärt mensch einem 5-jährigen, was genau Nazis sind?

Wir haben uns entschieden, ihn möglichst wenig mitbekommen zu lassen, er ist „im Urlaub“. Diese Situation ist die normalste der Welt für ihn – er ist gerne hier, ist ein bisschen sein zweites Zuhause hier. Hat nicht funktioniert. Natürlich nicht.

Was er über Nazis weiß? Die haben was gegen „Ausländer“

Von Sonntag auf Montag hielt es sich noch in Grenzen, seitdem wacht er jede Nacht mehrmals auf und hat Albträume von Nazis. Hat Angst. Er fühlt sich bedroht, und was soll ich sagen? Er hat verdammt nochmal Recht damit! Jeden Abend steht ein kleiner, aufgelöster Junge vor mir, weint, und hat einfach nur Angst.  Angst davor, das Nazis kommen und ihm irgendetwas tun.

Was er über Nazis weiß? Die haben was gegen „Ausländer“ und Menschen mit anderer Hautfarbe. Und Hautfarbe ist gerade wichtig in seinem Leben. Eigentlich schon immer, weil er eben in Chemnitz lebt und selbst als Kleinkind schon mit rassistischen Menschen konfrontiert war – völlig egal wie weit mensch versucht hat, das noch von ihm fernzuhalten.
Aber seit ein paar Monaten häufen sich die Begegnungen mit widerlichen Menschen die Sprüche reißen. Menschen, die es total richtig finden auch einem kleinem Kind schon das Gefühl zu geben „Du gehörst nicht hierher“!

Ich war Montag Abend in Chemnitz (ohne ihn natürlich!)… er wusste das ich dort bin, weil es wichtig ist, den Nazis nicht einfach die Stadt zu überlassen. Also hat er einfach nicht geschlafen, bis ich wieder Zuhause in Leipzig war. Er hat nur gewartet, bis ich endlich wieder da war, kam aus dem Bett gestürmt und flog mir in den Arm… er kann gerade nicht schlafen, wenn nicht alle Zuhause sind. Das alle da sind macht, das er sich sicher fühlt.

Und ich steht da, mit dem Gefühl gerade erst frisch der Hölle entkommen zu sein mit einem Kind das ich keinesfalls spüren lassen will, wie bedrohlich das dort war.

Mitten in Deutschland 2018

Egal, hier geht’s nicht um mich, sondern darum das ein kleiner 5-jähriger Junge nicht mehr schlafen kann, weil Nazis sein Zuhause bedrohen. Das ist real! Mitten in Deutschland 2018. Eine Flucht aus dem Zuhause in eine andere Stadt, weil Du dort, wo Du lebst nicht mehr sicher leben kannst. Ein kleiner Junge, der langsam begreift das es Menschen gibt, die ihn scheiße finden, die ihn hassen, nur weil er keine blonden Haare und blaue Augen und helle Haut hat. Wie soll er das verstehen? Ich versteh es ja selbst nicht. Ich lebe in einem Stadtteil, indem es völlig normal ist nicht weiß zu sein. Das ist gut so. Das hilft etwas. Rausgehen zu können, und eben nicht der Einzige zu sein.

Trotzdem: Er will nach Hause. Zu seinen Freunden, will der Große in der KiTa sein, sich auf die Schule freuen,…
Und: er hat ein verdammtes Recht darauf, das alles einfach tun zu können – ohne Angst. Aber das alles ist gerade einfach nicht drin, Normalität ist nicht drin, Alltag ist nicht drin. Das ist scheiße!

Und er ist nicht deshalb nicht Zuhause, weil Menschen in seiner Altersgruppe scheiße mit ihm sind, für die ist er halt einfach er, der Freund, KiTa-Kumpel, … es sind die Erwachsenen die zur Bedrohung für ihn geworden sind, ihm sein Zuhause wegnehmen.

Diese ganze Situation ist genau das, was wir immer befürchtet haben. Ich bin genau deshalb nach Sachsen gezogen, weil ich in genau dieser Situation in der Nähe sein wollte. Trotzdem, irgendwie haben wir immer gehofft das es nicht soweit kommt. Tja …

Und jetzt? Jede Nacht steht mehrmals ein kleiner Junge vor meinem Bett, kriecht in mein Bett, hat Angst. Angst vor etwas, was er nicht versteht, nicht zu verstehen ist, aber verdammt real in unser Leben wirkt. In sein junges Leben wirkt. Er ist immer noch im Urlaub. Aber das ist der beschissenste Urlaub seines Lebens. Und es ist überhaupt nicht klar, wann er endet.

Montag fahren wir nach Chemnitz. Wir werden zu #WirSindMehr gehen. Zusammen. Weil das gerade der einzige halbwegs sichere Weg ist, mit der Angst umzugehen. Mit vielen Menschen mitten in der Stadt Nazis scheiße finden … Wir hoffen und denken, das es ihm eine Handlungsoption gibt. Ein Weg sein kann mit der Angst umzugehen. Das Gefühl zu haben, etwas tun zu können. Für alles andere ist er noch zu jung – alles andere ist zu gefährlich. Aber das kann er tun – will er tun.

Soweit sind wir schon

Ich schreib das auf, weil ihr das wissen solltet. Weil ich finde, das diese Geschichte erzählt gehört. Weil es euch und uns einfach nicht egal sein darf, was dort passiert. Ich schreib das über Umwege, weil ich nicht sicher sein kann, ob irgendwelche Nazis das gerade nicht richtig geil finden und ich den Shitstorm gerade nicht aushalten würde. Soweit sind wir schon.

Ich erzähle die Geschichte eines kleinen Jungen über Umwege, weil mir die Kraft fehlt mit der Scheiße umzugehen, die darauf folgen könnte. Meine Kraft brauche ich gerade einfach selbst, für uns und (vor allem) für ihn.”

9 Kommentare

  1. das tut weh zu lesen! Gut, dass der Junge euch/dich hat! Schutz vor dem Schlimmsten?!
    betroffene und mitfühlende Grüße, Ulli

  2. Cornelia Herschieben sagt

    Ich wünsche dir alle Kraft, die du jetzt brauchst und ich bete dafür, dass du sie bekommst.

  3. Steffi sagt

    Danke für diese Sichtweise und deine Geschichte. Auch ich habe Angst und ich bin blond und blauäugig habe aber eine andere Meinung. Ich hoffe die Menschen wachen auf und lassen einen Zufluchtsort nicht zum Kriegsgebiet mutieren. Leider vergißt man all zu oft wie es einmal war…. mit der NSdAP… sie sind auch nur zum Mehrheitsträger geworden, weil sie den Schmerzpunkt der Menschen ausgenutzt haben. Und das Experiment- du kennt vielleicht das Buch “die Welle” funktioniert immer wieder…leider. Wäre es ein Deutscher gewesen, wäre es auch fatal aber noch lange nicht Grund genug, um auf die Straße zu gehen. Denken wir uns einfach mal Hautfarbe und Nationalität weg…. ja dann erkennen wir, dass Verbrechen leider auch in Deutschland unter Deutschen passiert. Wie so oft schlage ich die Zeitung auf und lese ….mal wieder…. Vater brachte Mutter und Kinder um…. Diagnose Depression/ Familiendrama….usw. Liebe Menschen da draußen geht dem Hass und der Minderheit, die solche schlimmen Taten ausführen keine Plattform. Hass und Gewalt war noch nie die Lösung im Gegenteil es bringt nur noch mehr Tote, Verletzte und Trauer.

  4. Joseph Wolsing sagt

    Man muss nicht in Chemnitz sein, um Zukunftsängste als deutsche PoC und/oder Elternteil von PoCs in Deutschland zu sein. Das geht auch am anderen Ende der Republik.
    Und ja, ich weiß, dass dies eine Minderheit ist, aber die Mehrheit ist zu leise und akzeptiert still, was in ihrer Mitte geschieht!

  5. c. Gschwindt sagt

    Wer die Geschichte leugnet ist dazu verdammt sie zu wiederholen.

    Schade dass es so sein muss.

    Ich habe keine Worte und schon gar keine Entschuldigung für das Benehmen dieser Personen. :(

  6. Sylvia Tornau sagt

    Danke für das Teilen eurer Geschichte. Ich wünsche euch Kraft und eine Lösung, auch wenn die zur Zeit vermutlich nicht Chemnitz heißt. Und ich wünsche dem Kleinen, dass er bald wieder gut schlafen kann und diese ekelhaft Erfahrungen keine bleibenden Spuren auf seiner Seele hinterlassen.

  7. Georg H. sagt

    Eine häßliche. gemeingefährliche, immer größer werdende Menge Menschen spricht anderen Menschen die Berechtigung auf ein menschenwürdiges Dasein in Sicherheit und Freiheit ab. Und verbreitet Hass und Angst. Ohne irgendeine lebenswerte Perspektive aufzuzeigen.
    Sag NEIN! Steht auf und sagt laut und deutlich NEIN! Wenn ihr nicht aufsteht; Wie lange wird es noch Menschen geben, die sich trauen, aufzustehen?

  8. Es tut wirklich weh so etwas zu lesen. Ich hoffe das noch sehr viele Menschen diesen Text lesen und er bei so manchem zu einem Umdenken führt. Ich wünsche euch nur das aller Beste und hoffe das der kleine bald wieder sein normales Leben führen kann. Grüße Philipp

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