Mehr als nur eine Drohung!

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Allgemein / In eigener Sache / Querdenken
Smartphone auf dem Tisch liegend.

Puh. Ich bin immer noch schockiert über das Geschehene. Erlebt habe ich schon viel an persönlichen Bedrohungen, aber das was ich jetzt schildern werde ist die aktuelle Spitze an Hass auf und gegen mich. Es war auch das erste Mal, dass ich wegen einer Veröffentlichung zögerte. Also teilte ich es, nachdem ich es zur Anzeige gebracht hatte, zuerst mit Freund:innen. So bekam ich Rückmeldungen, die nicht nur für meine Stabilität wichtig waren, sondern mir auch den Umgang damit erleichterten. Solidarität ist ein Waffe!

In der Nacht von Freitag auf Samstag bekam ich mehrere Anrufe. Es klingelte mehrfach. Mindestens drei Mal in kurzen Abständen. Es war 0:40 Uhr, ich schaute auf das Handy und sah eine mir unbekannte Rufnummer. Ich spürte das bedeutet nichts gutes. Ich kenne solche Anrufe. Den letzten erhielt ich am 30. November. Auch der war nicht harmlos, das geht immer mit Feindmarkierung einher. Es soll mir zeigen wir haben dich auf dem Schirm. Trotzdem fiel es mir in dem Fall leicht darüber auf Twitter was zu schreiben. Anders als jetzt.

Was zum …

Ich öffnete die Mobilbox-App und es gab zwei neue Nachrichten. Eine von etwa 30 Sekunden, sie andere war über eine Minute lang. Einen Moment hielt ich inne und überlegte. Die Rufnummer war nicht unterdrückt, es hätte ja auch was wichtiges sein können. Ich drückte auf Play und hörte mir beide Nachrichten an. Gesprochen wurden sie von einer mir unbekannten männlich klingenden Stimme. Die Audiodateien werde ich (noch) nicht veröffentlichen. Auch aus rechtlichen Gründen. Aber ich habe sie für meinen Text verschriftlichen lassen.

Warnung: Der Text kann hochgradig verstörend wirken und enthält Schilderungen wie man mich zu töten beabsichtigt, was ich dabei sehen werde und wie es sich anhören wird:

(Kurzer) Anruf:

Ja, hallo. Wir haben uns ´was ganz, ganz Besonderes überlegt, für dich, Rutkowski. Und zwar, dass immer weniger Luft reinkommt und gleichzeitig Nazi-Propaganda vor den Augen läuft. Das ist das, was du sehen wirst, als letztes. Ne, und ich freu´ mich echt d´rauf und… und… Alter, ey, nee, du bist feddich. (längeres hämisches Lachen).

(Langer) Anruf:

Na, Schlomer ? (Schlaumeier? Jüdischer Name?), legst du dich pennen? Also, ich hoff´ mal, dass sie dich am Wochenende NICHT totschlagen. Damit du langsam, ne, dass die Luft wegbleibt. Nee, und dann dabei an die Juden denken, ne. Und gegen Deutschland hassen, ja. Und, und dann, dann wirste sehen, wie… wie es hier abgeht, Junge. Und damit gehst du weg. Ach, das freut mich so, also.
Nee, die Lunge ist schon ´ne gute Sache, also wenn die mal so… wenn die einmal abkackt – das ist ein … ja … ist wie so Downhill. Da gibt´s kein zurück. Da gibt´s nix mehr, da wird nix mehr besser. Ja, tja, da liegste da. (imitiertes Röcheln, nachstellen wie sich mein Tod anhören wird). Ach, und wie du, Alter, ich freue mich so, Alter, wenn du abkachelst, ne. Wir sehen uns. Wichser!

Mit etwas zeitlichem Abstand liest es sich leichter als es zu hören. Mit den Emotionen beim Gesagten, das Nachdrückliche, das sich freuen und die Häme im Ton. Das war das gruseligste was ich bisher zu hören bekam. Und ein befreundeter Journalist sagte dazu: „Das kannste als O-Ton in jeden Horrorfilm einbauen“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Anzeige aufgeben

Mittlerweile war es so 2 Uhr in der Nacht. Das ich das zur Anzeige bringen werde war keine Frage, einzig wie und wann. Online, oder zur Wache fahren, jetzt oder erst bei Tag? Eigentlich war ich nicht fähig klar zu denken, mir ging zu viel durch den Kopf. Ich habe das sehr ernst genommen, wie immer eigentlich. Ich entschied mich für das Sofort und zog mich kältefest an. Mit meinem Scooter fuhr ich zur Wache in Hombruch.

Ich klingelte und ein Beamter öffnete mir Tür und fragte was los ist. Ich war nervös und innerlich aufgewühlt, versuchte es so sachlich wie möglich zu erklären. Das Erste was mich der Beamte fragte war: „Wieso kommen Sie damit jetzt, um die Uhrzeit?“. Das war mein Aha-Moment wo ich dachte, es ist wie viele sagen, sie nehmen dich einfach nicht ernst. Trotzdem bat er mich rein. Anzeigen müssen aufgenommen werden, auch mit Widerwillen.

Im weiteren Verlauf taute der Beamte dann etwas auf, aber immer noch waren die Schwingungen des Widerwillens spürbar. Ich erzählte ihm was ich mir habe anhören müssen, wie ich das einordnete und in welchem Kontext ich den Täter verortete. Die Vermutung liegt nahe, dass die Anrufe aus dem Umfeld „Querdenken“ kommen. Eine Mischszene, in der sich viele radikale Strömungen wiederfinden. Irgendwann fiel seitens des Beamten noch der Satz: „Warum lassen Sie das nicht einfach sein?“. Das geht in die Richtung, wenn du nichts gegen Nazis machst dann tun sie dir auch nichts. Wie falsch diese Annahme ist wissen wir aus der Geschichte.

Ich versuchte ihm das Konzept Täter- Opferumkehr näher zu bringen. Das hatb funktioniert. Die Atmosphäre wurde entspannter und damit fiel es mir auch leichter unaufgeregt zu reden. Einen USB-Stick, auf dem alles an Beweisen gesichert waren, befand sich in meiner Tasche.  Was ich bemerkenswert fand, dass er sich die Audiodateien nicht angehört hat, aber vielleicht gibt es interne Sicherheitsvorkehrungen, die die Nutzung von Sticks untersagen. Ich weiß es nicht.

Das Ganze dauerte eine knappe Stunde. Ich unterschrieb die Anzeige und der Beamte, mittlerweile wirklich freundlich gab mir Verhaltenshinweise mit auf den Weg. Lieber einmal mehr die 110 wählen wenn was ungewöhnlich erscheint. Ich bedankte mich und ging. Ein Gefühl von hoffentlich passiert jetzt auch was begleitete mich nachhause. An Schlaf war in dieser Nacht nicht mehr zu denken.

Es passierte was

Der Journalist, mit dem ich gesprochen hatte bohrte bei der Polizei bezüglich der Anzeige nach. Er selbst wurde mehrfach von Nazis bedroht und auch tätlich angegriffen und weiß wie sich das anfühlt. Am Montag rief er mich an, er sei von der Polizei Dortmund angerufen worden und berichtete: „Du hattest um 2:30 Uhr die Anzeige aufgegeben und knapp eine Stunden später hatten sie seinen Namen und die Adresse. Eine Gefährderansprache bekam er auch schon. Den Rest macht die Staatsanwaltschaft“. Mir fielen hausgroße Steine vom Herzen. Ich bin nicht raus aus der Nummer, aber eine Klarheit wurde spürbar. Den haben sie.

Nach Angaben der Polizei kommt der Mann aus dem Ruhrgebiet.

Meine Entscheidung, es öffentlich zu machen, war inzwischen gefallen. Der WDR in Dortmund macht etwas dazu. Über alles Weitere halte ich euch hier und auf Twitter auf dem Laufenden.

„Ich werde Menschen die mich tot sehen wollen niemals freundlich gegenübertreten. Auch werde ich meinen Zorn über sie nicht zurückhalten. Ebenso wie meine Angst, denn sie generiert die notwendige Aufmerksamkeit und schützt“ – Koralle

Update 22. Dezember 2020

Mittlerweile habe ich eine Rückmeldung des örtlichen Staatsschutz. Dort ist man der Meinung das die Verwendung „Wichser“ bei einem der beiden Anrufe eine Beleidigung darstellt. Genau, das war es. Nichts weiter. Ich kann nur hoffen, dass die Staatsanwaltschaft das, wie ich und viele andere, das anders einschätzt.

Da der wirklich gute Beitrag des WDR zu der Morddrohung, wie alle Videos nach einer Woche, wieder aus der Mediathek genommen wurde, stelle ich das hier rein. Ich finde es ist nochmal etwas ganz anderes, wenn das, was oben zu lesen war, auch gehört werden kann. Im Beitrag von Christof Voigt ist der erste, der kürzere Anruf in Gänze hörbar:

4 Kommentare

  1. DAS ist echt schwer verdaulich.
    Die Grundeinstellung des Polizisten (der deine Aussage aufnahm) verstört mich. Gerade angesichts der Tatsache, dass sich einige Kollegen aus anderen Dienststellen in rechten WhatsApp Gruppen organisiert haben, sollten die Polizeidienststellen doch dementsprechend sensibilisiert sein und einen bedrohten Bürger sehr ernst nehmen – ohne dass der Bürger Überzeugungsarbeit leisten muss.
    Stellung beziehen ist wichtig. Aber auch nicht immer erwünscht.
    Auch wenn off-topic hier – Ich bin genau deshalb bei FB auf „Bewährung“. Wenn dich da einer anschwärzt gilt nicht das Unschuldsprinzip. Du wirst von dem Logarithmus des „Community Standards“ sofort angeklagt, gerichtet und verurteilt.
    Bleib‘ sicher und lass‘ dich nicht unterkriegen.
    Viele Grüße aus Herne.

  2. Anonymous sagt

    Sehr geehrter Herr Rutkowski!
    Sie haben meine Hochachtung, für Ihre Arbeit und Ihren Mut. Halten Sie durch und seien Sie sicher – Sie sind nicht allein! Herzliche Grüße aus Berlin, S.

  3. throgh sagt

    Vollste Solidarität, Korallenherz. Bitte pass auf dich auf! Nicht nur die Anrufe wie auch die hinterlassenen Meldungen beunruhigen mich: Ebenso erwarte ich mehr von der Polizei respektive den Polizist:Innen bei der Aufnahme einer Anzeige. Diese Annahme nicht Nationalsozialist:Innen zu provozieren und so auch kein Bedrohungsszenario zu haben ist mehr als nur grundlegend falsch.

    Gerade diese Haltung ist im Kern ein Desaster für Menschen, die sich Demokratie und humanistische Wertideale einsetzen. Alerta! Und du bist nicht allein.

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