Hass im Herzen

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Allgemein / Gastbeitrag
Ein Herz aus Folie auf dem Boden liegend zu Schwarz/Weiß konvertiert,

Eine Freundin hatte gestern am Rande der Abschlusskundegbung der Demo gegen die Aufstellungsversammlung der AfD in Essen eine Begegnung und ein Gespräch, welches sie nicht mehr losgelassen hat und von dem sie uns erzählen möchte. Nachfolgend ihr Text.

Hass im Herzen

Anscheinend signalisiere ich Fremden immer, dass man mich etwas fragen kann. Am Samstag stand ich am Rande der Kundgebung von „Essen stellt sich quer“ am Willy-Brandt-Platz in Essen. Ein älterer Herr – er erzählt mir später, dass er Jahrgang 1942 sei und 44 Jahre lang gearbeitet habe – spricht mich an und fragt, ob dies die AfD sei, die hier stehe. Er habe gehört, dass diese Partei heute in Essen sei.

Geduldig erkläre ich ihm, dass hier die Abschlusskundgebung der Gegendemonstration stattfinde und zeige auf die Fahnen und Banner von linksjugend solid, ESSQ, AWO, Evangelische Jugend, verdi, Antifa usw. Er wirkt enttäuscht und erklärt, er hätte sich gerne die AfD mal angeschaut. Ob diese nicht in die Innenstadt kommen würden? Auch was ein Landesparteitag ist und warum die AfD im Congress- Center bleibe, erkläre ich nun. Nun nimmt unser Gespräch Fahrt auf. Ihm scheint wichtig, mir zu sagen, warum er sich für die AfD interessiere, er sie wählen wolle.

Das Leben werde immer teurer

Er echauffiert sich als erstes über die Grundsteuer, die er für sein hart erarbeitetes Eigenheim zahlen muss. Dank Frau Merkel würden die Steuern immer weiter nach oben gehen. Mein Einwand, dass Frau Merkel nicht für die Grundsteuer zuständig sei, sondern die Kommune verwirrt ihn kurz, ich würde ihm die Worte im Mund herumdrehen. Er greift zum Beispiel Rente und die davon abgehenden Sozialversicherungen. Seine Rente entspreche gerade mal der Hälfte seines früheren Einkommens. Er nennt Zahlen – ich denke kurz bei mir, dass er mehr Rente hat als ich aktuell an Nettoeinkommen. Wir sprechen über Mindesteinkommen und Grundsicherung. Meine Versuche, ihm Zusammenhänge zu erläutern, pariert er mit „Sie haben ja auf alles eine Antwort“.

Die Polizei könne ihre Bürger nicht mehr schützen

Zweimal sei schon in sein Eigenheim eingebrochen worden. Einmal wurde der Schmuck seiner Frau entwendet, das andere Mal seine Münzsammlung. So viele Flüchtlinge seien ins Land gekommen. Für ihn ist der Zusammenhang unumstößlich, auch wenn die Diebstähle nicht aufgeklärt wurden.

Die „Islamisierung“ schreite voran

Bei diesem Thema muss der alte Herr auf Zeitungsberichte zurückgreifen. In seinem Umfeld leben kaum Ausländer oder Muslime. Immer wenn ich ansetze, etwas zu sagen, unterbricht er mich. Das sei seine Meinung und die könne er ja so kundtun. Und ob ich immer eine Gegenmeinung habe, fragt er mich vorwurfsvoll.

In Deutschland finde eine „Umvolkung“ statt

Meine Geduld neigt sich nach diesem Satz von ihm dem Ende zu. Ich mache ihn darauf aufmerksam, dass er sich Begriffen bediene, die Rechten zuzuordnen sind und frage ihn, auf sein Alter anspielend, nach seinen Nachkriegserfahrungen mit Flüchtlingen. Hier wird er ausweichend, ich scheine ein Tabu getroffen zu haben. Ich frage ihn explizit nach Kriegsflüchtlingen damals und heute. Diese Antwort bleibt er mir schuldig. Schwenk zum nächsten Thema.

„Ich habe Hass im Herzen“

Dieser Satz markiert das Ende unseres Gespräches. Besonders auf Frau Merkel fokussiert er sich mit seinem Hass. Ich weiß nicht, was er mir noch alles gerne erzählt hätte. Er schaut mich verwundert an, als ich mich abwende: Mit jemandem zu sprechen, der nur noch Hass im Herzen habe, lasse mich frieren, sage ich zum Abschied.

Mir ist kalt …

(Autorin möchte nicht genannt werden)

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